Manipulation von Schutzeinrichtungen verhindern

Bei der Unterweisung auf Beteiligung setzen

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Manipulationen von Schutzeinrichtungen an Maschinen kommen noch immer in vielen Firmen vor. Neben den bereits bei Konstruktion und Kauf zu beachtenden Faktoren kann eine besondere Form der Unterweisung riskantes Verhalten und Manipulationen reduzieren. Sie setzt auf die Beteiligung der Beschäftigten, qualifizierte Führungskräfte und eine authentische Sicherheitskultur.

Oft werden Manipulationen vorgenommen, um Zeit zu sparen – zum Beispiel, um die Produktivitätsvorgaben zu erreichen. Teilweise werden solche Eingriffe in die Maschinensicherheit stillschweigend von Vorgesetzten geduldet. Doch das bewusste oder auch nur geduldete Umgehen von Schutzeinrichtungen ist kein Kavaliersdelikt: Daraus resultierende Unfälle enden oft mit schweren oder sogar tödlichen Verletzungen und Verantwortlichen drohen strafrechtliche Konsequenzen. Daneben kann es durch Produktionsausfälle oder -stillstände zu finanziellen Einbußen kommen.

Manipulation erkannt? Das ist zu tun!

Wenn an einer Schutzeinrichtung Manipulation festgestellt wird, muss die Maschine sofort wieder in einen sicheren Zustand versetzt werden. Darüber hinaus sind die Gründe zu analysieren, die zu der Manipulation geführt haben. Dabei geht es nicht um Schuldzuweisungen, sondern darum, im Gespräch mit den Beteiligten die Ursachen für die Manipulation herauszufinden, um diese künftig zu verhindern. Als Hilfestellung für die Analyse und Dokumentation steht auf www.stopp-manipulation.org eine Checkliste zur Ermittlung von Manipulations-ursachen zur Verfügung. Wenn möglich, sollten die Ursachen mit technischen Maßnahmen beseitigt werden. Es kann sinnvoll sein, die Hersteller- oder die Lieferfirma bei der Entwicklung eines alternativen Schutzkonzepts einzubinden. Wird eine Betriebsart zum Einrichten der Maschine nachgerüstet, kann das den Manipulationsanreiz ebenfalls senken.

Manipulation im Vorfeld verhindern

Manipulationen an Schutzeinrichtungen von Maschinen kann von Anfang an erfolgreich entgegengewirkt werden, wenn bereits vor der Beschaffung einer Maschine alle Phasen ihres Lebenszyklus und die Tätigkeiten, die an ihr durchgeführt werden, bedacht werden. Eine wichtige Grundlage für die Entwicklung von Maschine und Schutzkonzept ist das sogenannte Lastenheft. Die Betreiberfirma definiert darin ihre Anforderungen an die Maschine. Schon hier sollte sie alle Lebensphasen berücksichtigen.

Auf dieser Basis kann die Verkäuferin oder der Verkäufer der Maschine den Kundenbedarf erkennen und eine Maschine mit einem passenden Schutzkonzept anbieten. Bestandteil des Angebots ist in der Regel ein Pflichtenheft. Darin legt der Hersteller dar, wie er die Anforderungen aus dem Lastenheft erfüllen will. Das ist eine transparente Möglichkeit für die Betreiberfirma, um zu prüfen, ob das Angebot ihren Anforderungen entspricht und wo Anpassungsbedarf besteht.

Auf Unterweisungen und Akzeptanz setzen

Auch Unterweisungen kommen in diesem Gefahrenbereich eine hohe Bedeutung zu. Regel- oder anlassbezogen können die Beschäftigten für die Gefahren und (tödlichen) Verletzungen sensibilisiert werden, die sicherheitswidriges Arbeiten mit sich bringt. Vor Ort an der Maschine kann veranschaulicht werden, wie eine unbedachte Idee, Sicherheitsvorkehrungen zu überbrücken, auszuhebeln oder abzuschrauben, im Alltag schnell die eigene Sicherheit und Gesundheit oder die von Kolleginnen und Kollegen gefährdet.

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Allein an die Beschäftigten gerichtete Anordnungen wirken oft nicht. Tauschen sich Beschäftigte aber in der Kleingruppe über die aus ihrer Sicht „triftigen“ Gründe für verbotene Verhaltensweisen aus, können sie sichere Maßnahmen besprechen und einüben. Das Ziel: Sie sollten Anweisungen von Vorgesetzten, eine Manipulation zu unterlassen, nicht als Schikane erleben, sondern als gut gemeintes Verhaltensgebot, das dazu beiträgt, ihre Gesundheit zu erhalten.

Es kommt also vor allem darauf an, dass die Beschäftigten eine gemeinsam entwickelte Maßnahme akzeptieren. Die Akzeptanz ist nachweislich besonders hoch, wenn sie in Analyse- und Entscheidungsprozesse aktiv einbezogen werden. Werden Beschäftigte beteiligt oder, mehr noch, werden sie zu Protagonisten von Gestaltungsprozessen, dann sind Unterweisungen besonders wirkungsvoll und nachhaltig.

Unterweisungen in einer sich entwickelnden Sicherheitskultur

Beschäftigte an der Unterweisung aktiv zu beteiligen setzt eine gelebte Vertrauens- und Fehlerkultur voraus. Im Unternehmen muss ein Klima vorhanden sein, in dem die Auseinandersetzung mit den Gründen für ein Fehlverhalten positiv bewertet und als kontinuierlicher Verbesserungsprozess auf dem Weg hin zur Sicherheitskultur verstanden wird. In die Beschäftigten wird das Vertrauen gelegt, dass sie selbst daran arbeiten, sicherheitswidriges Verhalten nicht zu dulden. Wird der Sachverhalt „Manipulation von Schutzeinrichtungen“ anhand dieser Begriffe analysiert und gleichzeitig mithilfe des Stufenmodells der kommmitmensch-Kampagne entwickelt, ergebensich neue Möglichkeiten der Gefahrenabwehr.

Ziel des Modells ist es, eine wertschöpfende Handlungsebene zu erreichen. Das bedeutet, dass Sicherheit und Gesundheit ein hoher Wert beigemessen wird. Eine Sicherheits- und Gesundheitskultur, die Abweichungen auf den Grund geht, trägt maßgeblich zur Leistungsfähigkeit und damit zur Wertschöpfung bei. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tauschen sich eigenständig über relevante Themen aus – Führungskräfte schaffen Raum dafür.Ein Arbeiten im Rahmen dieses Stufenmodells mit dem Ziel des wertschöpfenden Wirkens ist ein besonderer Unterweisungsansatz: Die Verantwortung bleibt bei den Führungskräften, die Reflexion und Gestaltung von sicherheitsrelevanten Fragen bezieht die Beschäftigten mit jeder Stufe mehr und mehr ein.

© Annette Gebauer 2017, in Anlehnung an Hudson 2001, Grafik: M. Hüter

Stufenmodell der kommmitmensch-Kampagne

BGHM-Seminar zu Unterweisungen

An diesen Prinzipien orientieren sich moderne Unterweisungsformate. Die BGHM trägt dieser Weiterentwicklung mit dem neuen Seminarkonzept „Unterweisungen in der Praxis“ Rechnung: Der Begriff der Unterweisung soll in der Praxis eine neue Bedeutung erhalten – ganz im Sinne der Ziele der kommmitmensch-Kampagne. Um dies glaubwürdig zu erreichen, wird das Seminar auf eine besondere Art und Weise durchgeführt: Die Kompetenzen und Erfahrungen der Teilnehmenden rücken in den Vordergrund und sind der Ausgangspunkt für neue gemeinsame Entwicklungen.

Es wird sehr viel Wert darauf gelegt, dass wirksame Unterweisungskonzepte im hier beschriebenen Sinne gemeinsam entwickelt werden. Selbst die Beurteilungstools, die verwendet werden, werden gemeinsam entwickelt und auf die wichtigen Trainings- und Feedback-phasen angewendet. Denn auch im Unterweisungsseminar sollen die Teilnehmenden zu Protagonisten des Gestaltungsprozesses werden.

Christoph Meyer, Harald Sefrin, Ursula Willemsen und Reiner Stefan, BGHM

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