Arbeitsunfall oder nicht?

Bizepssehnenriss nach außergewöhnlicher Kraftanstrengung

Grafische Darstellung eines Risses; © sergeostroverhoff/123RF.com

Reißt im menschlichen Körper eine Bizepssehne, ist häufig eine degenerative Veränderung, also eine innere Ursache, ausschlaggebend. Da ein Arbeits-unfall immer eine äußere Einwirkung voraussetzt, scheidet er bei einem Bizepssehnenriss in der Regel aus. Dass es jedoch auch Arbeitsunfälle geben kann, die eine solche Verletzung zur Folge haben, hat das Hessische Landessozialgericht in dem folgenden Fall entschieden.

Ein Steinmetz sollte einen 50 Kilogramm schweren Findling an einen Kunden für dessen Garten ausliefern. Der Stein war nass und glatt. Als der Steinmetz ihn zusammen mit dem Kunden anheben wollte, rutschte er ab. Beim Nachfassen erlitt er einen Riss der kurzen Bizepssehne im Bereich des rechten Unterarms. Dass es ein Arbeitsunfall war, der zu der Bizepssehnenruptur als Gesundheitsschaden geführt hat, bestätigte das Landessozialgericht (LSG) in zweiter Instanz.

Plötzliche Krafteinwirkung begründet Arbeitsunfall

Arbeitsunfälle sind zeitlich begrenzte, von außen auf den Körper einwirkende Ereignisse, die zu einem Gesundheitsschaden oder zum Tod führen. Es ist kein besonderes, ungewöhnliches Geschehen dafür erforderlich. Die äußere Einwirkung kann beispielsweise auch in einer Kraft liegen, die ein 70 Kilogramm schwerer und festgefrorener Grabstein einem Steinmetz „entgegensetzt“, wie das Bundessozialgericht bereits 2005 im sogenannten Grabsteinurteil entschied.

Damals hatte ein Steinmetz einen festgefrorenen Stein hochheben wollen und infolge der Kraftanstrengung eine Gehirnblutung erlitten. So ähnlich war es auch hier: Entscheidend für das Vorliegen eines Unfallereignisses waren das überraschende Moment des Abrutschens und die zusätzliche akute Krafteinwirkung beim Nachfassen, die über eine bloße willentliche Kraftanstrengung wie beim Anheben des Steins hinausging. Diese äußere Einwirkung war so intensiv, dass sie den Riss der körperfernen, kurzen Bizepssehne verursacht hat, wie das LSG im nächsten Schritt feststellen konnte.

Eine körperferne, kurze Bizepssehne reißt – im Gegensatz zur körpernahen, langen Bizepssehne – eher selten. Verursachende Unfallmechanismen für Risse der kurzen Bizepssehne sind zum Beispiel das plötzliche Auffangen einer schweren Last, ein Fehlschlag mit einem schweren Hammer oder auch direkte Krafteinwirkung durch Quetschungen, Schläge oder Stiche. Ein solcher Mechanismus lag hier vor.

Zudem sprach für einen Arbeitsunfall, dass der Versicherte seine Arbeit sofort abbrechen musste, im Krankenhaus operiert wurde und laut vom Gericht beigezogenen Gutachten keine hinreichenden Hinweise auf eine schon bestehende Verschleißerkrankung im Bereich des Bizepssehnenansatzes am rechten Unterarm vorlagen. (Hessisches LSG vom 18.08.2020 – L 3 U 155/18, juris)

Karl Heinz Schwirz, BGHM