STOP - Prinzip im Arbeitsschutz

Gehörschutz – eine kritische Analyse

Gehörschutzkapseln; © pabkov - 123rf.com

In der Firma gibt es Gehörschutz – prima, dann ist das Thema Lärm „abgehakt“ … oder steckt etwa doch mehr dahinter?

Lärm ist ein großer Stressfaktor für Mensch und Tier. An Autobahnen und Schienenstrecken schützen Schallschutzwände davor, die meisten deutschen Flughäfen haben ein Nachtflugverbot, in Städten ist die Benutzung von Rasenmähern und Laubbläsern reglementiert – und es gibt viele weitere Beispiele für Lärmschutz in unserem privaten Alltag. Auch am Arbeitsplatz muss dem Lärmschutz die notwendige Beachtung geschenkt werden.

Lärm erzeugt Stressreaktionen

Schon bei geringen Schallpegeln kann Lärm als störend empfunden werden: Man denke nur an einen pfeifenden Lüfter im PC. Aber spätestens ab 60 dB(A) zeigt der Körper Stressreaktionen – die Herzfrequenz und der Blutdruck steigen. Das ist ein Zeichen dafür, dass er sich für Verteidigung oder Flucht vor einer Gefahr bereit macht. Dabei befinden wir uns doch am Arbeitsplatz, und der Chef wäre von einer Fluchtreaktion wohl nicht begeistert. Also unterdrückt die Person den Fluchtinstinkt. Das kostet Kraft, die für die eigentliche Arbeit nicht mehr zur Verfügung steht. Lärm kann aber nicht nur psychisch belastend sein, sondern auch körperlich krank machen. Durch laute Arbeitsplätze gehen der deutschen Wirtschaft deswegen jedes Jahr Milliardenbeträge verloren.
Daher: Echte Arbeitsschützer denken an STOP! Bei der Auswahl von Arbeitsschutz-Maßnahmen gilt es folgende Reihenfolge einzuhalten:

S = Substitution

Als Erstes müssen Arbeitsschutzverantwortliche über eine Substitution nachdenken. Sie sollten die leise anstatt die laute Maschine kaufen oder ein leises statt ein lautes Arbeitsverfahren wählen. Steht die laute Maschine erst einmal im Betrieb, ist das Thema für Jahre „durch“.

T = Technische Maßnahmen

Man kann eine laute Hydraulikpumpe kapseln – dies ist nur ein Beispiel für technische Lärmschutz-Maßnahmen.

O = Organisatorische Maßnahmen

Ein Beispiel für organisatorischen Arbeitsschutz bei Lärm: Wenn die Gleitschleifanlage laut ist, kann man sie gegen Schichtende befüllen und die Teile am nächsten Morgen weiterbearbeiten.

P = Persönliche Maßnahmen

Wenn Verantwortliche

  • S, T und O ausführlich und ohne Scheuklappen durchdacht haben,
  • das Arbeitsschutzgesetz Paragraf 4 Nr. 5, die Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung Paragraf 7 (1) und (5), das Produktsicherheitsgesetz Paragraf 3 sowie die Maschinenrichtlinie Nr. 1.5.8 angewendet haben und
  • dokumentiert haben, dass eine andere Lösung als Gehörschutz nicht infrage kommt, dann kommen die persönlichen Schutzmaßnahmen, also der Gehörschutz, ins Spiel:

Jetzt hängt alles vom Gehörschutz und von seinen Benutzern ab. Hat die verantwortliche Person den richtigen Gehörschutz für den Anwendungsfall ausgesucht? Liegen bei den Beschäftigten Vorschäden vor, die der Arbeitsmediziner beim Gehörtest erkannt hat und die bestimmte Gehörschutzmodelle ausschließen? Haben die Beschäftigten alle Informationen, die sie benötigen, damit sie den Gehörschutz richtig anwenden können?

Wichtig ist die Reihenfolge der Maßnahmen – denn nur Gehörschutz bereitzustellen und nicht zunächst S, T und O zu beachten, gleicht streng genommen einer Kapitulation vor Lärm.

Peter Hammelbacher, BGHM