Physische Gefährdungen bei der Arbeit erkennen, bewerten, dokumentieren

Leitmerkmalmethoden – Sechs Bewertungsinstrumente für gelebten Gesundheitsschutz

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Leitmerkmalmethoden (LMM) sind Verfahren für die Gefährdungsbeurteilung, um physische Belastungen für Beschäftigte praxisnah einschätzen zu können. Mit drei überarbeiteten und drei neuen LMM, die dabei unterstützen, Gefährdungen für das Muskel-Skelett-System zu erkennen, liegen nun insgesamt sechs dieser Screening-Instrumente vor.

Betriebe müssen Arbeit gemäß Paragraf 4 des Arbeitsschutzgesetzes (ArbSchG) so gestalten, dass unter anderem eine Gefährdung für das Leben sowie für die physische und die psychische Gesundheit der Beschäftigten möglichst vermieden und die verbleibende Gefährdung so gering wie möglich gehalten wird. Dafür müssen, laut Paragraf 5und 6 ArbSchG, arbeitsbedingte Gefährdungen ermittelt, beurteilt und dokumentiert werden. Zudem haben Unternehmen die Aufgabe, Maßnahmen zur Vermeidung beziehungsweise zur Verminderung der ermittelten Gefährdungen umzusetzen und deren Wirksamkeit zu prüfen.

Doch wie und mit welchen Hilfsmitteln können sie in der Praxis eine Gefährdungsbeurteilung hinsichtlich „physischer Belastung“ durchführen und die Risiken einschätzen? Die LMM sind ein Instrument dafür. In der Arbeitsmedizinischen Regel AMR 13.2 wird die Verordnung zur Arbeitsmedizinischen Vorsorge (ArbMedVV) konkretisiert und die Leitmerkmalmethoden werden als Bewertungsinstrumente für „Tätigkeiten mit wesentlich erhöhten körperlichen Belastungen mit Gesundheitsgefährdungen für das Muskel-Skelett-System“ aufgeführt. Dort sind konkrete Grenzkriterien angegeben, ab wann Arbeitgeber bei Muskel-Skelett-Belastungen vor Aufnahme der Tätigkeit und anschließend in regelmäßigen Abständen eine Angebotsvorsorge anbieten müssen (etwa wenn gemäß LMM ein Punktwert des Risikobereichs 3 erreicht oder überschritten wird).

Spezielle Screening-Verfahren für die Praxis

Alle Leitmerkmalmethoden gelten als „spezielle“ und damit relativ detaillierte Screening-Verfahren. Auf den Internetseiten der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) stehen sie als Vorlagen kostenfrei zum Download zur Verfügung. Auf der ersten von vier Seiten wird der Anwendungsbereich der LMM definiert.

Folgend – auf einem zweiseitigen Formblatt – können dann die Leitmerkmale bewertet werden. Die Handlungsanleitung findet sich auf der vierten Seite. Schon Ende der 1990er-Jahre veröffentlichte die BAuA die erste Leitmerkmalmethode. In vielen Betrieben werden die LMM „Heben, Halten und Tragen von Lasten“, „Ziehen und Schieben“ und „Manuelle Arbeitsprozesse“ schon länger genutzt, um physische Belastung in der Gefährdungsbeurteilung zu erkennen, zu bewerten, Schutzmaßnahmen abzuleiten und zu dokumentieren. Diese drei LMM wurden im Herbst 2019 als Ergebnis eines mehrjährigen, von der BAuA und der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) gemeinsam geförderten Forschungsprojekts in einer überarbeiteten Ausführung veröffentlicht und um drei weitere LMM ergänzt.

Weiterentwickelte Leitmerkmalmethoden:

  • Manuelles Heben, Halten und Tragen von Lasten (LMM-HHT)
  • Manuelles Ziehen und Schieben von Lasten (LMM-ZS)
  • Manuelle Arbeitsprozesse (LMM-MA)
  • Neu entwickelte Leitmerkmalmethoden:Ausübung von Ganzkörperkräften (LMM-GK)
  • Körperzwangshaltungen (LMM-KH)
  • Körperfortbewegung (LMM-KB)

Mit Bewertungstabellen, Piktogrammen und kurzen Definitionen stellen auch die neuen LMM eine praxisorientierte und fundierte Unterstützung bei der Gefährdungsbeurteilung hinsichtlich physischer Belastung dar, ermöglichen eine Risikoabschätzung nach dem Ampelmodell und erleichtern die Ableitung von Schutzmaßnahmen.

Bei allen sechs LMM ist das Schema für die Bewertung von physischer Belastung wie folgt einheitlich:

  1. Entscheidung: Welche Belastungsarten kommen an dem Arbeitsplatz vor?
  2. Beobachtung, Erfassung und Dokumentation aller wichtigen Merkmale der Belastungsarten (Leitmerkmale)
  3. Risikobewertung: Berechnung einer Punktesumme zur Beurteilung einer Risikokategorie (Wahrscheinlichkeit einer körperlichen Überbeanspruchung)
  4. Ableiten, Umsetzen, Evaluieren von Maßnahmen nach dem STOP-Prinzip (substituierend, technisch, organisatorisch, personenbezogen)

Die Bewertungen der Leitmerkmale können also helfen, die Schwerpunkte bei den physischen Belastungen zu erkennen und Prioritäten für Maßnahmen und damit Gestaltungsanforderungen abzuleiten.

Blick in die Zukunft

In Zukunft sollen mit einer EDV-gestützten Version für alle sechs Leitmerkmalmethoden gleichartige Belastungen aus unterschiedlichen Tätigkeiten eines Arbeitstages bewertet werden können (zum Beispiel mit der LMM-HHT-E, die derzeit entwickelt wird). In einer späteren Version soll es mit einer Leitmerkmalmethode für Mischbelastungen (LMM-MB) möglich sein, unterschiedliche Belastungen, etwa aus dem manuellen Heben, Halten und Tragen von Lasten und bei der Ausübung von Ganzkörperkräften, zusammenzuführen. Mit den drei neuen LMM liegen nun also insgesamt sechs Methoden zum Test in der Praxis vor, die Verantwortliche in Unternehmen dabei unterstützen, physische Belastungen von Beschäftigten für unterschiedliche Belastungsarten zu erfassen und zu bewerten. BGHM-Mitgliedsbetriebe können sich zu den Leitmerkmalmethoden beraten lassen: Die für sie zuständige Aufsichtsperson hilft gerne weiter.

Daniel Kern und Ralf Schulz, BGHM

Gut zu wissen

Die modifizierten und neuen LMM wurden in dem von der BAuA und der DGUV gemeinsam geförderten Projekt „MEGAPHYS“ entwickelt. Begleitend zur Veröffentlichung der Leitmerkmalmethoden stellen das Institut für Arbeitsschutz der DGUV (IFA) und die BAuA einen Bericht zu diesem Projekt als Download zur Verfügung.