Schwerpunktthema Juni 2019

Muskel-Skelett-Belastung

© mnsanthoshkumar/123.rf/DGUV/BGHM

„Wer rastet, der rostet“ – das richtige Maß an Bewegung hält uns gesund. Dies gilt auch im Betrieb: Unternehmen und Beschäftigte können viel gegen arbeitsbedingte Muskel-Skelett-Erkrankungen und für eine ergonomische Arbeitsweise tun.

Akute schmerzhafte Verspannungen und Zerrungen kennen die meisten Menschen. Wird die Fehlbelastung durch Über- oder Unterforderung des Körpers aber zum Normalzustand, erhöht sich langfristig das Risiko für Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems (MSE). Krankenkassen-Zahlen zufolge entfällt in den Holz- und Metallberufen jeder vierte Krankheitstag auf Beschwerden des Rückens, des Hand-Schulter-Arm-Systems sowie der Knie und der Hüften (Badura u. a.: Fehlzeiten-Report 2018). Solche Ausfälle bedeuten neben reduzierter Lebensqualität für die betroffenen Beschäftigten einen Mehraufwand für die Kolleginnen und Kollegen und die Unternehmen. Diese Thematik gewinnt bei steigendem Durchschnittsalter einer Belegschaft an Bedeutung, weil die Erkrankungsdauer mit dem Lebensalter zunimmt. Die Belastung für das Muskel-Skelett-System ist daher so zu gestalten, dass die Beschäftigten ihre Tätigkeit im Betrieb langfristig gesund und sicher ausüben können.

Einflussgrößen und Gestaltungshinweise

Je nach ausgeübter Tätigkeit im Unternehmen unterscheidet sich die Muskel-Skelett-Belastung (MSB): Verwaltungs-, Entwicklungs- und Vertriebsaufgaben, Produktion, Montage, Logistik und Instandhaltung stellen ganz unterschiedliche Anforderungen an die Beschäftigten. Der Unternehmer hat die MSB tätigkeitsbezogen zu ermitteln und das Risiko einer Gefährdung von Sicherheit und Gesundheit zu bewerten. Gefährdungen sind durch geeignete Maßnahmen zu vermeiden oder zu minimieren.
Das GDA-Arbeitsprogramm Muskel-Skelett-Erkrankungen (vgl. Infobox auf Seite 21) hat wesentliche Formen der MSB identifiziert:

  • manuelles Heben und Tragen sowie Ziehen und Schieben von Lasten
  • Zwangshaltungen und bewegungsarm ausgeführte Tätigkeiten
  • erhöhte Kraftanstrengung oder Krafteinwirkung
  • repetitive Tätigkeiten
  • Ganzkörper-Vibrationen und Hand-Arm-Vibrationen

Zu diesen Formen der MSB sind untenstehend Einflussgrößen sowie Gestaltungsprinzipien aufgelistet, die Unternehmer und Beschäftigte für ein ergonomisches Arbeiten beachten müssen.
Das Heben und Tragen sowie das Ziehen und Schieben von Lasten von Hand belastet Gelenke und besonders den Rücken. Diese Kriterien beeinflussen die Belastung:

  • Häufigkeit, Dauer und Weglänge
  • Lastgewicht
  • Körperhaltung
  • Greifbedingungen
  • Bewegungsfläche
  • Transportmittel und Bodenbeschaffenheit
  • Leistungsvoraussetzungen der Beschäftigten

Das bedeutet für die Gestaltung von Arbeitsplätzen:

  • ergonomische Arbeitshöhe und Greifweiten bei Lasthandhabung in der Produktion, im Lager und auf Baustellen berücksichtigen
  • geeignete Hebe- und Tragehilfen oder Transportmittel zur Verfügung stellen
  • auf ebene Fußböden und leichtgängige Transportmittel achten
  • zusätzliche Belastung des Rückens durch Ganzkörper-Vibration vermeiden
Ziehen und Schieben von Last; © Still GmbH

Beschäftigte sorgen für eine optimale Wirksamkeit der Arbeitsschutzmaßnahmen, wenn sie:

  • sich den Arbeitsplatz passend einrichten und vorhandene Einstellmöglichkeiten für ihre individuelle Arbeitshöhe nutzen (auch auf Baustellen zum Beispiel mobile Arbeitstische verwenden, um Arbeiten in aufrechter Körperhaltung zu erledigen)
  • Arbeits- oder Transportmittel bestimmungsgemäß verwenden, beispielsweise starkes oder ruckartiges Beschleunigen und Abbremsen von Rollwagen vermeiden
  • Lasten körpernah mit geradem Rücken bewegen
  • sich bei schweren Lasten gegenseitig unterstützen

Zwangshaltungen, also erzwungene Körperhaltungen ohne die Möglichkeit zu erholungswirksamen Entlastungen, führen zur Ermüdung von Muskeln und belasten Bandscheiben und Gelenke. Beispiele sind starke Rumpfbeuge, Knien und Hocken, Hände über Schulterhöhe, erzwungenes dauerhaftes Sitzen oder Stehen. Auch bewegungsarm ausgeführte Tätigkeiten führen zur Ermüdung von Muskeln und belasten Bandscheiben und Gelenke. Entscheidend für die Belastung sind die Körperhaltung sowie deren jeweilige Dauer und Verteilung über den Tag. Gestaltungsansätze für die Verantwortlichen bieten:

  • Werkzeuge mit Griffverlängerung
  • Abstützmöglichkeiten (Stehhilfen, Arbeitshocker, Armstützen)
  • Begrenzung zusätzlicher Krafteinwirkungen und ausreichend Wärme bei bodennahen Tätigkeiten
  • erholungswirksame Belastungswechsel, also Arbeitsinhalte, die einen Wechsel von Sitzen, Stehen und Gehen fördern
  • höhenverstellbare Tische oder Werkbänke
  • dynamisch einstellbare Stühle
  • Einsatz personenbezogener Maßnahmen, zum Beispiel PSA, Bewegungspausen

Beschäftigte können sich eingeschlichene, negative Gewohnheiten bewusst machen und daran arbeiten, diese in positive Verhaltensweisen zu bleibt. Das Ziel einer ausreichenden Bewegung im Arbeitsalltag beginnt auf dem Arbeitsweg. Außerdem können Beschäftigte beispielsweise:

  • soweit möglich Teilaufgaben in ergonomischer Höhe erledigen, zum Beispiel Telefonieren im Stehen als Abwechslung zum Sitzen
  • sich bei gemeinsamen Arbeiten in verschiedenen Körperhaltungen untereinander abwechseln
  • sich an der Auswahl geeigneter Arbeitsmittel sowie PSA beteiligen und zum Beispiel Knieschoner konsequent nutzen
  • Pausen zum Belastungswechsel und tätigkeitsbezogene Bewegungsangebote nutzen

Arbeiten mit erhöhter Kraftanstrengung oder Krafteinwirkung belasten im gesamten Körper, in Körperteilen oder in der Hand-Arm-System die Muskulatur, Sehnen, Bänder und Gelenke. Die Wirkung von Hand-Armkräften sowie Ganzkörperkräften hängt von folgenden Faktoren ab:

  • Kraftrichtung
  • Höhe der Kraft
  • Häufigkeit/Dauer
  • Körperhaltung
  • Leistungsvoraussetzungen der Beschäftigten

Durch die Auswahl und bestimmungsgemäße Verwendung geeigneter Werkzeuge und technischer Hilfsmittel (zum Beispiel Gewicht entlastet, rückschlagfrei, ergonomische Griffgestaltung) sollen erhöhte Kräfte vermieden werden. Außerdem sollten die Beschäftigten auf erholungswirksame Belastungswechsel achten sowie auf eine ergonomische Körperhaltung, auf eine möglichst symmetrische Kraftausübung und auf gegenseitige Unterstützung.
Bei repetitiven Tätigkeiten findet der angestrebte Wechsel zwischen Be- und Entlastung nicht statt: Andauernd gleichförmig wiederholte Bewegungen führen zu einer einseitigen Belastung der Sehnen insbesondere in Händen und Armen. Entscheidend für die Belastung sind:

  • Schichtanteil und Erholungsmöglichkeiten
  • Höhe der Kraft
  • Gelenkstellung und Häufigkeit von Gelenkbewegungen
  • Körperhaltung

Eine gute Arbeitsplatzgestaltung (beispielsweise Beachtung von Greifräumen, Gestaltung von Greifbehältern, Halte- und Fügevorrichtungen, Hand-Arm-Stützen) vermeidet unter anderem ungünstige Gelenkstellungen und Kräfte. Zusätzliche Belastung durch Hand-Arm-Vibrationen sollte vermieden werden, indem ergonomische Arbeitsmittel genutzt werden. Bei Taktmontagen ergibt sich meist ein Belastungswechsel, wenn Beschäftigte mehrere Stationen bearbeiten. Gemeinsame Bewegungspausen mit auf die Arbeit abgestimmten Übungen zur Lockerung und Kräftigung der Schultern, Hände und Arme unterstützen die Beweglichkeit.
Ganzkörper-Vibrationen im Stehen oder im Sitzen belasten die Bandscheiben der Wirbelsäule. Gleichzeitige Handhabung von Lasten erhöht die „Dosis“. Hand-Arm-Vibrationen belasten Nerven, Gelenke und Knochen und stören die Durchblutung. Hohe Greifkräfte, zum Beispiel beim Drücken von Werkzeugen, und Kälte erhöhen die Belastung. Die Wirkung von Ganzkörper- sowie Hand-Arm-Vibrationen sind von der Einwirkungsdauer und Höhe der Schwingstärke abhängig.
Folgende Gestaltungsprinzipien ergeben sich daraus:

  • ebene Fußböden
  • Arbeitsmittel mit Fernsteuerung
  • vibrationsgeminderte Sitze und Handwerkzeuge
  • vibrationsgeminderte Aufstellung von Anlagen
  • Wartung vibrierender Fahrzeuge und Maschinen, Tausch von Verschleißteilen und Einsatzwerkzeugen
  • Begrenzung der Fahrgeschwindigkeit
Gabelstapler; © Linde Material Handling GmbH

Die Beschäftigten reduzieren Ganzkörper-Vibrationen (beispielsweise bei einer Staplerfahrt), wenn sie mit angepasster Geschwindigkeit und wenn möglich vorwärts fahren. Sie sollten Pausen zur aktiven Bewegung nutzen. Vibrierende Handwerkzeuge sollten sie bestimmungsgemäß verwenden, verschlissene Werkzeuge wechseln und insbesondere bei Kälte Antivibrations-Handschuhe tragen.

Technische und organisatorische Lösungen haben Vorrang

Mit welchem Risiko die arbeitsbedingte MSB verbunden ist, wird anhand von Instrumenten wie zum Beispiel den Leitmerkmalmethoden (LMM) bewertet. Für MSB durch Heben und Tragen sowie Ziehen und Schieben von Lasten über
5 kg sowie Belastungen des Hand-Arm-Schultersystems durch repetitive Tätigkeiten stehen erprobte LMM auf der Website der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) zur Verfügung. Die fachkundige Bewertung der Hand-Arm- sowie Ganzkörpervibrationsexposition konkretisiert die Technische Regel zur Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung Teil 1.
Die Wirksamkeit personenbezogener Maßnahmen ist vom Verhalten der Beschäftigten abhängig. Darum ist technischen und organisatorischen Lösungen Vorrang zu geben – das erleichtert dem Unternehmer auch die Überprüfung der Wirksamkeit.
Eine im Sinne des Arbeitsschutzes erfolgreiche Gestaltung der MSB hängt nicht zuletzt von personellen und materiellen Ressourcen ab. Teilweise unbewusst wirken Faktoren der psychischen Belastung ebenfalls auf das Muskel-Skelett-System. Auch dies spricht dafür, die Beschäftigten bei der Ideenfindung nachhaltiger Maßnahmen zur Optimierung der MSB zu beteiligen. Sind Tätigkeiten mit wesentlich erhöhten körperlichen Belastungen durch Lastenhandhabung, repetitive manuelle Tätigkeiten und Zwangshaltungen nicht zu vermeiden, müssen Unternehmer eine arbeitsmedizinische Vorsorge organisieren.

Jochen Eckardt, BGHM

BGHM-Wandkalender: Muskel-Skelett-Belastung; iStock.com/fantom_rd

Gut zu wissen: Beschäftigten den Rücken stärken

Im Ergebnis des Arbeitsprogramms Muskel-Skelett-Erkrankungen (MSE) der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie (GDA) hat sich gezeigt: Die Besichtigung und Beratung durch Aufsichtspersonal führt in Betrieben mit Arbeitsschutzmängeln zu Verbesserungen in allen MSE-relevanten Bereichen. Auch in der kommenden Periode werden Bund, Länder und Unfallversicherungsträger wie die BGHM das Thema MSB als ein Schwerpunktthema überwachen und praxisnah dazu beraten.

Weitere Informationen unter: www.gdabewegt.de