Wegeunfall im Homeoffice?

Sturz vor Arbeitsbeginn auf dem Weg zum Schreibtisch

Wendeltreppe; © chronicler101/123RF.com

Beim Arbeiten im Homeoffice entfällt der Weg in den Betrieb und zurück, der grundsätzlich unter Versicherungsschutz steht. Wie sieht es versicherungstechnisch aus, wenn Beschäftigte morgens in der Wohnung vor Arbeitsaufnahme auf dem Weg ins Arbeitszimmer auf der Treppe stürzen?

Das Landessozialgericht (LSG) Nordrhein-Westfalen hat in einem solchen Fall die Anerkennung als Arbeitsunfall abgelehnt. Ein Beschäftigter machte sich morgens um 7 Uhr vom Badezimmer aus auf den Weg zu seinem eine Etage tiefer gelegenen Arbeitszimmer, um mit seiner Arbeit zu beginnen. Auf der Wendeltreppe nach unten stürzte er und verletzte sich an der Wirbelsäule.

Anders als das Sozialgericht Aachen, welches einen Arbeitsunfall anerkannte, entschied das LSG, dass kein versicherter Weg vorgelegen habe. Weder ereignete sich der Unfall auf dem Weg zum Ort der Tätigkeit – was als Wegeunfall nach Paragraf 8 Absatz 2 Nummer 1 SGB VII einzustufen wäre – noch auf einem sogenannten Betriebsweg nach Paragraf 8 Absatz 1.

Wegeunfälle geschehen nur außer Haus

Wegeunfälle setzen nach Auffassung des LSG voraus, dass die Beschäftigten die Haustür durchschritten haben müssen, um zur Arbeit zu gelangen. Nach ständiger Rechtsprechung ist die Haustür – und zwar die Außentür, nicht die Wohnungstür innerhalb des Gebäudes – im Interesse der Rechtssicherheit als Grenze für den Versicherungsschutz anzusehen. Mithin, so das LSG, könne „ein im Homeoffice Beschäftigter niemals innerhalb des Hauses oder der Wohnung auf dem Weg zum Ort der Tätigkeit wegeunfallversichert sein“.

Betriebsweg als Teil der Arbeit

Auch ein versicherter Betriebsweg habe hier nicht vorgelegen: Als Betriebswege werden die Wege bezeichnet, die in Ausübung der versicherten Tätigkeit zurückgelegt werden. Während die Wege zur Arbeit und zurück Vor- und Nachbereitungshandlungen der eigentlichen Arbeitsleistung darstellen, sind die Betriebswege Teil der Arbeit. Da der Beschäftigte jedoch zum Zeitpunkt des Sturzes erst mit seiner Arbeit beginnen wollte, schied eine Einordnung als versicherter Betriebsweg als Teil der Arbeit aus.

Würde man den morgendlichen Weg zum Schreibtisch als Betriebsweg einstufen, wären Beschäftigte im Homeoffice dem LSG zufolge damit besser gestellt als Beschäftigte, die nicht im Homeoffice tätig sind. Denn diese sind bei einem entsprechenden Sturz im häuslichen Bereich vor Arbeitsbeginn ebenfalls nicht versichert. Das „letzte Wort“ hat nun das Bundessozialgericht: Dieses soll grundsätzlich klären, ob der Weg zur erstmaligen Arbeitsaufnahme im Homeoffice unter dem Schutz der gesetzlichen Unfallversicherung steht. (LSG Nordrhein-Westfalen, Urteil vom 09.11.2020, Az. L 17 U 487/19, juris; Revision beim BSG anhängig: Az. B 2 U 4/21 R)

Karl Heinz Schwirz, BGHM

Gut zu wissen

Der Unfall ereignete sich vor Arbeitsbeginn und ist somit von der Gesetzesänderung zum 18. Juni 2021 nicht betroffen (siehe Meldung „Gesetzesänderung – Versicherungsschutz im Homeoffice„). Nach der Gesetzesänderung besteht im Homeoffice im selben Umfang Versicherungsschutz wie bei der Arbeit auf der Unternehmensstätte, wenn die Arbeit bereits aufgenommen wurde.