Projekt zu Industrie 4.0

Was schwerfällt, macht jetzt der Kollege Cobot

Werkhalle: Mensch-Maschine-Kollaboration; © Ford

Welche Chancen bietet die Industrie 4.0 für Menschen mit Behinderung und in der Prävention? Dieser Frage geht ein Projekt bei den Ford-Werken am Standort Köln nach, über das die BGHM-Aktuell in der Ausgabe 2/2021 berichtete. Nun ist der anlässlich des Projektes neu entwickelte Arbeitsplatz, der die Kollaboration von schwerbehinderten Beschäftigten mit einem Roboter ermöglicht, realisiert und in die Motorenfertigung bei dem Automobilhersteller integriert worden.

Die zwei schwerbehinderten Mitarbeiter, die derzeit im Wechsel an diesem Arbeitsplatz tätig sind, arbeiten eng mit dem kollaborierenden Roboter zusammen. Der Cobot, wie kollaborierende Robotersysteme auch genannt werden, ist direkt neben ihnen aktiv. Bei der Beobachtung der Arbeitsabläufe konnte erkannt werden, dass Mensch und Cobot nicht zeitgleich im gemeinsamen Bewegungsraum agieren müssen. Die Abfolge der Zusammenarbeit ist klar und eindeutig definiert und trainiert.

Akzeptanz durch Transparenz

Um mögliche Bedenken der zwei Beschäftigten auszuräumen, erklärten ihnen die Projektverantwortlichen die Abläufe und die Cobot-Technik vorab ganz genau. Auch dass sie die Sicherheitseinrichtungen „einfach mal“ unter Anleitung testen und den Cobot in der Bewegung aktiv berühren konnten, schaffte Vertrauen in die Robotertechnik. Wie versprochen: Der Cobot stand bei Berührung sofort still. Nach mehreren Wochen störungsfreien Betriebs zeigten sich die beiden dort beschäftigten Mitarbeiter zufrieden mit „ihrem“ Cobot.

Bei einem der Beschäftigten kann zum Beispiel die Zeit bis zu einer anstehenden Schulteroperation mit ergonomisch angepasster Arbeit überbrückt werden. Was ihm schwerfallen würde, macht jetzt der Cobot. Auch den im direkten Umfeld arbeitenden Kolleginnen und Kollegen stellten die Projektverantwortlichen und Führungskräfte den neuen Arbeitsplatz vor und erklärten ihn im Zuge von Unterweisungen. Diese Transparenz lieferte einen wichtigen Beitrag zur Akzeptanz auch im gesamten Arbeitsumfeld. All dies machte den Cobot zum anerkannten „Kollegen“.

Ergonomische Verbesserung

Die Tätigkeit am neuen Arbeitsplatz kann von den Beschäftigten stehend als auch sitzend ausgeübt werden, während es vorher ein reiner Steharbeitsplatz war. Der Wechsel ist ein wichtiger Aspekt für die Prävention von Muskel-Skelett-Erkrankungen und für die Rehabilitation zum Beispiel nach einem Unfall. Speziell in Sachen Ergonomie optimieren Arbeitssicherheitsverantwortliche, das Disability Management, die Projektleiterin und die Schwerbehindertenvertretung der Ford-Werke die Arbeitsplatzgestaltung weiter. Um die Übertragbarkeit dieses Inklusionsansatzes auf andere Arbeitsbereiche zu sichern, erfolgt in der aktuellen Projektphase die CE-Zertifizierung der Station.

Klaus Fingerhut und Ralf Schulz, BGHM

Hintergrund: Chancen der Industrie 4.0 für Prävention und Rehabilitation

Das Projekt und damit die Realisierung dieses Arbeitsplatzes wurden von einem interdisziplinär agierenden Netzwerk begleitet, dem auch die BGHM angehört. Den Arbeitsplatz richteten die Ford-Werke mit der Rheinisch Westfälischen Technischen Hochschule Aachen und dem Inklusionsamt des Landschaftsverbandes Rheinland ein. Fachleute der BGHM bringen ihre Erkenntnisse beratend in das Projekt ein und gewinnen wiederum Wissen, das bei der Prävention von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten als auch bei der beruflichen Teilhabe und der Wiedereingliederung ihrer Versicherten nach einem Arbeitsunfall oder bei einer anerkannten Berufskrankheit hilfreich sein kann.